Warum helfen wir nicht?

In Raum 13 wird noch einmal eine zentrale Frage des Pflegegedankens zum Thema gemacht: Warum helfen wir/ bzw. helfen wir nicht? In der Antike lehnten die Anhänger der stoischen Philosophie wie Seneca (1. Jahrhundert nach Christus) und ihre späteren Verteidiger Mitleid als Ausdruck der Schwäche, als einen affektgesteuerten und damit vernunftwidrigen Gemütszustand ab.

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Dieser Sicht setzte schon im 4. Jahrhundert der lateinische Kirchenlehrer Augustinus die Christenpflicht gegenüber, indem er – bezugnehmend auf eine unterlassene Rettungsaktion beim Schiffbruch – Senecas Auffassung kommentierte: »Die Stoiker pflegen das Mitleid zu verdammen, aber wieviel ehrenhafter wäre es gewesen, wenn jener Stoiker von dem mitleidigen Wunsche, einen Menschen zu retten, bewegt worden wäre, als von Angst vor dem Schiffbruch. Denn was ist Mitleid anderes als herzliches Mitgefühl mit fremdem Elend, das uns treibt, ihm – dem Elend – wenn irgend möglich, abzuhelfen?«
Es ist hier nicht der Raum, um die weitere Diskussion über diesen zentralen Begriff der christlichen Lehre verfolgen zu können, es sei lediglich auf die Säkularisierung des Begriffs durch den Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) hingewiesen, der die Pflicht der gegenseitigen Achtung und Hilfeleistung aus einem Gesetz der Vernunft gleich einem kategorischen Imperativ abzuleiten versuchte, und damit die vernunftgeleiteten Kräfte des Menschen als Grundlage sittlichen Handelns postulierte.
Noch rigoroser ging der britische Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) vor, der evolutionstheoretische Faktoren für den Affekt des Mitleids geltend machte und Mitleid aus biologischer Sicht betrachtete. Er hob das Prinzip gegenseitiger Hilfe und notwendiger sozialer Zusammenarbeit als ein ähnlich bedeutsames Strukturmerkmal der belebten Natur wie den »Kampf ums Dasein« hervor. Kooperation, Aufopferungsvermögen und Pflichtgefühl sind nach Darwin soziale Hilfsinstinkte, die dem Überlebenskampf zwar nützlich sind, zugleich aber wie alle anderen Eigenschaften lebendiger Organismen der natürlichen Selektion unterliegen, – ein Gedanke, der im 20. Jahrhundert (z.B. im Nationalsozialismus) weitreichende Folgen für die Selektion angeblich lebensunwerten Lebens haben sollte.

 

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